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In China platzt die Mutter aller Kredit-Blasen!

Mittwoch, 09.12.2015, 18:05 · von FOCUS-Online-Experte Florian Schulz


In Peking verfolgen entsetzte Anleger die Talfahrt der Kurse (Archivfoto)

Seit dem Juni-Crash an der Börse Shanghai machen sich viele Anleger Sorgen um China. Zu recht! Denn der Dax orientiert sich stark am Shanghai Composite Index. Wenn die chinesischen Aktien kollabieren, bekommen auch die Börsianer hierzulande das große Zittern. Worauf sich Anleger einstellen müssen.

Seit Monaten häufen sich die schlechten Konjunkturmeldungen aus dem Reich der Mitte. Doch nach anfänglicher Panik im Sommer ignorieren die Anleger hierzulande das Thema China weitgehend - auch weil sich der Börsenindexin Shanghai  zuletzt hielt. Damit machen sie allerdings einen schwerer Fehler. Denn die reine Fixierung auf Chinas Börsen geht völlig am eigentlichen Problem vorbei.

Die Entwicklung am chinesischen Aktienmarkt wird massiv durch staatliche Interventionen verzerrt. Unter anderem hat Peking inzwischen vermutlich schon über 200 Milliarden US-Dollar (!) für Stützungskäufe ausgegeben. Ein derart gelenkter Aktienmarkt ist aber schwerlich ein guter Indikator für Chinas wirtschaftliche Lage. Und deshalb darf sich auch niemand in falscher Sicherheit wiegen, falls sich Chinas Inlandsbörsen demnächst stabilisieren sollten.

Die Lage spitzt sich zu

Das eigentliche Problem liegt tiefer: Schon seit Februar warne ich davor, dass Chinas Wirtschaft vor einer „harten Landung“ steht. Der Grund für meinen Pessimismus sind nicht nur die chinesischen Wirtschaftsdaten, die sich bereits seit geraumer Zeit sichtbar verschlechtern. Hinzu kommen noch enorme Risiken, die in den letzten Jahren im chinesischen Finanzsystem herangewachsen sind. All diese Entwicklungen bestärken meine Sorge, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nun unmittelbar vor einer schweren Wirtschaftskrise steht – mit entsprechend negativen Folgen für die gesamte Weltwirtschaft.

Die Indizien für dieses bedrohliche Szenario sind vielfältig, und es würde den Rahmen sprengen, sie hier alle detailliert aufzuführen. Um die Situation zu verdeutlichen, will ich hier nur auf drei Punkte eingehen, die ich für besonders wichtig und aussagekräftig halte:

1. Chinas Kreditblase

Chinas Wirtschaft hat die globale Finanzkrise nur deshalb so gut überstanden, weil die Regierung im Jahr 2009 ein gigantisches Konjunkturfeuerwerk gezündet hat. Studien zufolge wurden dort zwischen 2009 und 2014Kreditein Höhe von 21 Billionen Dollar zur Ankurbelung der Wirtschaft vergeben. Das Gesamtvolumen der Kredite im chinesischen Wirtschaftssystem hat sich dadurch in kürzester Zeit fast vervierfacht. Und bereits Mitte 2014 lag die Gesamtverschuldung Chinas (Zentralregierung, Provinzregierungen, Unternehmen, private Haushalte) bei unglaublichen 282 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Noch beunruhigender ist, dass ein erheblicher Teil dieser großzügig vergebenen Kredite früher oder später wohl abgeschrieben werden muss. Denn man kann davon ausgehen, dass diese Unsummen in nicht unerheblichem Ausmaß in unproduktive und unprofitable Projekte geflossen sind. Pro 3 Yuan an vergebenen Darlehen entstand nach der Finanzkrise nur noch ein zusätzliches Bruttoinlandsprodukt von 1 Yuan. Symptomatisch dafür ist der völlig ausgeuferte Bau-Boom der letzten Jahre. Allein in den Jahren 2013 und 2014 verbrauchte China mehr Zement als die USA im gesamten 20 Jahrhundert!

2. Katastrophale Außenhandelsdaten

Den offiziellen Daten zufolge erzielte China im zweiten Quartal noch ein Wirtschaftswachstum von 7,0 Prozent. Viele andere Statistiken wie der Stromverbrauch, die Frachtvolumen, die Einkaufsmanager-Indizes und die Außenhandelsstatistiken sprechen aber seit geraumer Zeit eine ganz andere Sprache. Vor allem Letztere verschlechtern sich fast von Monat zu Monat. Im August etwa schrumpften die Exporte aus dem Reich der Mitte gegenüber dem Vorjahr um 5,5 Prozent, und die Importe knickten sogar um 14 Prozent ein. Das heißt: Nicht nur Chinas Export-Motor brummt nicht mehr, sondern auch die vielbeschworene chinesische Binnennachfrage ist ernsthaft eingebrochen. Bezeichnend ist auch der landesweite Autoabsatz, der seit drei Monaten plötzlich rückläufig ist. Im Jahr 2009 lag die Wachstumsrate des chinesischen Automarkts noch bei 45 Prozent.

Im Übrigen ist der enorm starke Rückgang der Importe nicht nur auf die gefallenen Rohstoffpreise zurückzuführen. Das belegt beispielsweise die Exportstatistik des Nachbarlands Südkorea, das rund ein Viertel seiner Produkte nach China liefert. Dort brachen die Ausfuhren zuletzt um fast 15 Prozent ein, obwohl das Land keinerlei Rohstoffe produziert. Aber natürlich können auch Chinas Rohstoff-Lieferanten wie Brasilien oderAustralienein Lied davon singen, wie stark die chinesische Nachfrage in den letzten Monaten zurückgegangen ist.

3. Deflation und Kreditklemme

Obwohl über die Kreditvergabe in den letzten Jahren massiv Geld ins chinesische Wirtschaftssystem gepumpt wurde, sind die Erzeugerpreise dort seit Jahren rückläufig. Das wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die massiven Überkapazitäten, die in Chinas Industrien hochgezogen wurden. Sondern es verdeutlicht auch die prekäre Lage vieler chinesischer Unternehmen, die oft auf hohen Schulden sitzen. Im Hinblick darauf kam auch die letzte chinesische Leitzinssenkung viel zu spät. Denn da die Entwicklung der Produzentenpreise im negativen Bereich liegt, befindet sich der (preisbereinigte) reale Zinssatz längst bei über 10 Prozent.

Für das chinesische Durchschnittsunternehmen wird es nun immer schwieriger, seine Schuldenlast abzutragen, zumal nun auch noch die Binnennachfrage wegbricht.  Wie stark sich der Spielraum der privaten Unternehmer bereits verengt hat, zeigt der sogenannte Wenzhou Private Finance Index, über den die chinesischen „Schattenbank-Zinssätze“ erfasst werden sollen. Dieser Index ist trotz der letzten Leitzinssenkungen inzwischen auf über 19 Prozent gestiegen. Die privaten Darlehensgeber sind also mittlerweile sehr risikoscheu geworden. Dabei kam dem Schattenbankensektor bei der Finanzierung chinesischer Privatunternehmen bisher eine tragende Rolle zu. Laut Moody´s stehen dort Kredite in Höhe von umgerechnet 6,5 Billionen Dollar aus.

China-Krise nahezu unausweichlich

All diese Entwicklungen machen in absehbarer Zukunft eine schwere Wirtschaftskrisein Chinafast unausweichlich. Ich glaube zwar nicht, dass das Land vor einen regelrechten Kollaps steht, denn die Zentralbank und die Regierung verfügen noch über ausreichende Möglichkeiten, um eine Eskalation abzudämpfen (man denke nur an Chinas riesige Fremdwährungsreserven). Die Kreditblase im Inland wird aber unvermeidlich platzen, und im Zuge dessen werden gigantische (Schein-)Vermögenswerte vernichtet werden - auch an ausländischen Börsen.

Fazit: Fürs Erste bleibt Peking kaum etwas anderes übrig, als seine Wirtschaft – wie schon in den letzten Jahren – durch übergroß dimensionierte Konjunkturprogramme zu stützen. Einige Wirtschaftszweige (und die Aktien der dort agierenden Unternehmen) werden davon sogar ganz erheblich profitieren. Ansonsten sollten Anleger von chinesischen Titeln aber vorerst die Finger lassen. Denn es wird erst noch schlimmer kommen, bevor es wieder besser wird!

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